„Shared History – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“

ein Erlebnisbericht des Ausstellungsbesuches im Thüringer Landtag der Klasse 10B

Im Innenhof des Thüringer Landtages, Foto: Jan Philipp Scheidhauer

in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung vom 7. Oktober 2021

Es war ein völlig normaler Mittwoch Anfang Oktober so wie jeder andere erdenkliche Mittwoch in Halle an der Saale. Zu Beginn dieses Tages konnte sich noch niemand ausmalen, dass dieser Mittwoch so schrecklich unheilvoll in die Geschichte eingehen sollte. Denn an diesem Tag, dem 9. Oktober 2019 versuchte der vom verbreiteten und ansteckenden Virus namens Antisemitismus getriebene Neonazi Stephan B. ein Blutbad an der Synagoge von Halle anzurichten, dem unzählige Jüdinnen und Juden darunter auch Kinder, welche einfach ihren Glauben am Festtag Jom Kippur praktizieren wollen zum Opfer gefallen wären, wenn nicht die Tür den Zutritt zur Synagoge im richtigen Moment versperrte. Dies brachte nun den Terroristen Stephan B. dazu willkürlich eine Passantin und den Gast eines Imbissbistros zu erschießen, die an diesem Tag ihr Leben ließen. Wie viel Hass und Aggression kann ein Mensch haben um so eine eine Tat auszuführen? Zeigt dies etwa nicht welche ungeheure Bedrohung von Antisemitismus auch heute noch nach all den Geschehnissen in der Geschichte ausgeht? Die Ausstellung Shared History - 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland, welche bis zum 31. Oktober 2021 im Landtag Erfurt zu besichtigen ist, bietet einen Blick über den Tellerrand hinaus, zeigt die vielfältige jüdische Geschichte in Deutschland und gibt einen Einblick in jüdische Kultur.
Aber warum nun ausgerechnet 1700 Jahre jüdisches Leben?
Leider ist die Meinung weit verbreitet, dass das Judentum etwas in der Ferne existierendes sei und man es außerhalb des Holocausts nur schwierig mit Deutschland in Verbindung bringen könne. Aber jüdisches Leben ist in dem Gebiet des heutigen Deutschlands länger nachzuweisen, als manch einer sich vorstellen kann. Denn aus dem Jahre 321 nach Christus stammt der Edikt des Kaisers Konstantin an die Mitglieder des damaligen Stadtrats des heutigen Kölns gerichtet, welcher besagt, dass es nun auch Juden möglich ist städtische Ämter zu besetzen. Dieser Erlass wird als der erste schriftliche Nachweis des Vorhandenseins jüdischen Lebens in Deutschland gewertet. Hierbei spielt aber nicht ausschließlich der bloße historische Fakt eine essentielle Rolle, welcher den Ein oder Anderen zum Staunen bringt und der Ausstellung den Namen verliehen hat, sondern die damit einhergehende tiefe Verwurzelung des Judentums in Deutschland. So führen wir uns nochmal vor Augen, das Juden schon seit mindestens 1700 Jahren im Staatsgebiet des heutigen Deutschlands zu Hause sind, seit diesen 1700 Jahren leben Juden mit den Angehörigen anderer Konfession Seite an Seite. Diesbezüglich sollte das Judentum mit seinen Gläubigen vielen gar nicht mal so fremd und eigenartig vorkommen als es leider dennoch häufig der Fall ist. Seit diesen 1700 Jahren sind oftmals auch Beweise für Verfolgung von Juden vorzufinden. Jedoch war eine friedliche Koexistenz zwischen Juden und Nichtjuden in dieser Zeit auch nicht immer als Ding der Unmöglichkeit zu betrachten.
Shared History (dt.: gemeinsame Geschichte), auch ein Teil des Titels der Ausstellung, wie wir uns erinnern spielt genau auf diese Verbundenheit ab und zeigt das die jüdische Geschichte nicht durchweg als düster zu betrachten gilt. Auch das stellt eine neue Erkenntnis dar, welche durch die Ausstellung vermittelt wird.
Jedoch offenbart die Exposition nicht nur diesen wichtigen Kernpunkt.Sie führt uns schließlich so anschaulich durch die Reise durch die Zeit, von einer historischer Epoche zu wieder einer anderen, als wären wir tatsächlich gerade erst mit dem Zeitreisemobil angekommen und somit direkt dabei gewesen. Dabei gelingt es ihr durchaus gut, beide Seiten des als ambivalent zu betrachtenden jüdischen Lebens im deutschsprachigem Raum zu beleuchten. Auf der einen Seite die fröhlich gelebte jüdische Kultur, wie sie mancherorts tatsächlich vorzufinden war, andererseits die schon lange währende Verfolgung, Ausgrenzung und Diskriminierung jüdischer Mitbürger. So begann dies etwa nicht erst mit dem Holocaust, dem schrecklichen Höhepunkt der Verfolgung jüdischen Lebens im deutschsprachig Raum, welcher als die systematische Ermordung der nicht nur in Deutschland lebenden Juden galt. Auch schon
geraume Zeit davor war die gewaltsame Verfolgung jüdischer Mitmenschen ein alltägliches Ritual. So stand das dem jüdischen Leben mit Hass Entgegentreten auch schon im Mittelalter ganz oben auf der Tagesordnung. So trugen sich zum Beispiel während der Pestepidemie häufig gegen Juden gerichtete
Pogrome zu, welche sehr schnell in Gewalt umschlugen. Dabei wurden die Juden für die Pesterkrankung verantwortlich gemacht. Man warf ihn entgeisterter Weise vor, sie hätten die Brunnen vergiftet und seien somit am Leid der Menschen schuld. Wer sich jetzt denkt, das habe ja mit unserer heutigen Zeit rein gar
nichts mehr zu tun, liegt definitiv falsch. Denn erleben wir es heute nicht allzu oft das im Zuge der Covid-19-Pandemie, Menschen aufgrund von Verschwörungstheorien aus rassistischen aber auch aus antisemitischen Motiven für deren Entstehen schuld seien. Diese anfänglich am Stammtisch ausgeplauderten Gerüchte haben schon das ein oder andere Menschenleben gekostet. Dieser Teil der Ausstellung hilft dem Besucher zu verstehen, wozu solche Gerüchte führen und verdeutlicht ihm die Problematik des Antisemitismus auf raffinierte Art und Weise. Jedoch werden an dieser Stelle auch die Wirtschaftsbeziehungen, wie beispielsweise der Handel zwischen Juden und Nichtjuden auch nicht außen vor gelassen, welche die Ambivalenz des jüdischen Lebens in Deutschland unterstreichen. Nebenbei gelingt es der Exposition die jüdischen Bräuche und die jüdische Kultur zu vermitteln, was einen erheblichen Beitrag zum Verständnis dieser leistet. Eine weitere neue sowie lehrreiche Erkenntnis, die man der Ausstellung abgewinnen kann, ist, dass ein hoher Prozentsatz der deutschen Soldaten, die sich im Ersten Weltkrieg freiwillig zum Kriegsdienst meldeten, Angehörige der jüdischen Konfession waren. Damit bestätigen die Gestalter der Ausstellung nochmal die Verbundenheit der Juden mit Deutschland. Selbstverständlich verbirgt die Exposition, auch das Thema des Holocausts nicht, wobei durch den von den Nationalsozialisten betriebenen systematischen Völkermord mehr als sechs Millionen europäische Juden ihr
Leben ließen. Dabei geht die Ausstellung gezielt auf die Menschenschicksale ein und bleibt nicht oberflächlich. Sie versucht die Inhalte auf emotionale Art und Weise zu vermitteln und erregt so beim Besucher Mitgefühl, lässt ihn nicht ruhig, sodass er nicht ohne einen Gedanken darüber den Ort der Ausstellung wieder verlässt.
Viele Jugendlichen sind auch heute noch im Besitz eines Mopeds, des Herstellers Simson. Doch wer wusste schon das auch Simson ein jüdisches Unternehmen war? Ebenso Wenigen war vor Besuch der Ausstellung klar, dass der FC Bayern München mit Kurt Landauer, einen jüdischen Präsidenten hatte, der dem heute viel umjubeltem Verein weitreichende Erfolge bescherte. Das ist doch der schlagende Beweis für die tiefe Verwurzelung der Juden in Deutschland. Das sie eben nicht als Fremde zu betrachten sind, sondern als unsere Schwestern und Brüder. Diesbezüglich gelingt es der Ausstellung die Absurdität von Vorurteilen und Gerüchten gegen Juden, welche heute in Verschwörungstheorien aufkeimen, aufzuzeigen. Die meisterhafte Exposition bewirkt somit, dass wir die Worte, die unseren eigenen Mund aber auch den des Gegenübers verlassen, hinterfragen, weil wir eben wissen dass sie doch soviel nicht mehr gut zu machenden Schaden anrichten können. Um zu sehen wie erschreckend tödlich solche Vorurteile sein können, brauchen wir uns gar nicht lange in der Zeit rückwärts zu bewegen, denn wie oft wird in den aktuellen Tagesnachrichten über Angriffe auf Synagogen oder Juden berichtet, welche unser Herz zum Erschüttern bringen.
Können die in Deutschland lebenden Juden sich sicher fühlen?
Oft sind es nur die abfälligen Blicke, die herablassend auf unsere jüdischen Mitmenschen getätigt werden. Doch man erlebt es doch allzu oft, dass auf diesen Blicken Worte folgen, verbale Gewalt ausgeübt wird, welche wir in den sozialen Netzwerken ständig nachlesen können und schließlich folgen auf diese Worte
Taten, die das Schlimmste hervorrufen können. Immer noch, nach 1700 Jahren leben Juden in Deutschland in Angst und Schrecken, müssen um ihr Leben bangen. Gilt es nicht endlich nach all den Geschehnissen diesem ein Ende zu setzen? Die Ausstellung Shared History - 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland erinnert eben an diese Geschehnisse, mahnt mit dem Blick in die Geschichte. Ruft den Menschen zu, doch endlich aus der Geschichte dieses Landes zu lernen, um eine Veränderung zu bewirken. Denn der Antisemitismus stellt für unsere Gesellschaft im Alltag immer noch ein gigantisches Problem dar. Vielleicht stellen sich nach Besuch der Ausstellung noch mehr Menschen dem Antisemitismus entgegen, zeigen ihm überall glasklare Kante. Die
Ausstellung spricht auch Jugendliche an, überträgt ihnen die Aufgabe, was passiert ist nicht zu vergessen, denn sie sind die künftigen Wähler und Politiker und sollten die Möglichkeit kühn ergreifen, um den schon seit mindestens 1700 Jahren in Deutschland lebenden Juden ein wirklich sicheres Leben zu ermöglichen.
Den jüdischen Mitbürgern wahre Sicherheit nach all den historischen Ereignissen zu garantieren sollte nicht nur eine Aufgabe und reine Motivation für die Politik und kommende Generationen darstellen, sondern sollte ihr Anspruch sein! Auch das kann man von der Ausstellung lernen. Damit eben gerade so etwas wie der antisemitische Anschlag auf die Synagoge der Stadt Halle in Zukunft nicht mehr passiert und eine friedliche Koexistenz zwischen Juden und allen anderen Menschen hier in Weimar, aber auch überall woanders auf der Welt, dominiert.

Informationsquellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust
https://www.thueringer-landtag.de/landtag/ausstellungen/shared-history/
https://www.oel-engel.de/blog/die-geschichte-simson-unternehmen-in-suhl/
https://fcbayern.com/de/club/fcb-ev/kurt-landauer-%E2%80%A0
https://www.tagesschau.de/inland/halle-gedenken-107.htm

von Jan-Philipp Scheidhauer (Klasse 10b des Humboldt-Gymnasiums Weimar)

veröffentlicht von Judith Gläser-Stark am 19.11.2021