Auf den Spuren der NSU-Opfer

Eine Reihe von Workshops in der Europäischen Jugendbegegnungsstätte Weimar des 12er Jahrgangs am 16. November 2021

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Auf den Spuren der NSU-Opfer, Foto: Paulina Krömer, 16.11.2021

Was hat es mit den NSU-Morden auf sich und wie deutsch fühle ich mich? Diese und weitere Fragen stellte man dem 12er Jahrgang des Humboldt-Gymnasiums Weimar am 16. November 2021 in einer Reihe von Workshops in der Europäischen Jugendbegegnungsstätte in Weimar.

Angefangen mit dem Mord an Enver Şimşek am 9.September 2000 bis zur Ermordung von Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 starben innerhalb der Mordserie des NSU 10 Menschen. Nennen wir ihre Namen: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.

Um den Opfern zu gedenken und in ihr Leben hineinzuschauen, besuchte jede:r Schüler:in drei von vier Workshops.

Der erste Workshop: „Hinter jedem Gesicht steckt ein Leben“ von Sahar Darvishzadeh und Salman Vakili befasste sich ausschließlich mit dem Leben der Opfer. Dazu waren in einem Bilderrahmen die Abbilder der Opfer eingefasst. Zu jeder Person gab es einen Text, der gelesen und anschließend den anderen vorgestellt werden sollte. Als die Bilder abgenommen wurden, war dahinter ein Spiegel zu sehen, über dessen Bedeutung, zum Beispiel „Könnten wir das auch sein?“, noch viel diskutiert wurde.

„Grenzen im Spiel“ war ein Workshop mit Maedeh Nassouri, indem alle Teilnehmenden sich näher mit aller Art von Trennungslinien befasst haben. Beginnend mit einer kleinen Vorstellungsrunde und unserem beliebtesten Sport, tauschten wir uns über Grenzen und deren Notwendigkeit in unserem Sport aus. In den gleichen Gruppen reflektierten wir auch über alle Dinge, die uns voneinander trennen und definierten „Ausländer“ und „Inländer“. Die gefundenen „Grenzbausteine“ legten wir aufgeschrieben als Linie auf den Boden. Nun begann ein Spiel der Zuordnung. Auf der einen Seite befand sich die Kategorie „inländisch“ und auf der anderen Seite „ausländisch“. Zu Fragen wie „Woher kommt dein Essen?“ sollten wir uns zuordnen. In der Abschlussrunde sollten wir uns eine Prozentzahl zuordnen zu der Frage „Wie deutsch fühlst du dich?“. Diese Aufgabenstellung sorgte für interessante Gespräche und Anstöße zur Selbstreflexion zu den Themen Nationalität und Zugehörigkeit.

Der dritte Workshop von Margarita García befasste sich mit subtiler und offener Ungerechtigkeit. Unter dem Titel „Dönerm****“ lernte man zunächst über die eigenen Privilegien in Form eines Selbsteinschätzungsbogen. Daraufhin bereitete man in Gruppen Döner zu, dabei fiel fast niemanden auf, dass nicht jede Gruppe die gleichen Materialien zur Verfügung standen. In der Auswertung wurden die neuen Erkenntnisse unter regem Austausch besprochen. „Warum haben wir nicht gemerkt, dass die anderen weniger Möglichkeiten hatten?“ Trotz der Ungleichheit wurden die köstlichen Resultate umgehend verteilt und vernichtet. Beim Essen haben wir uns über die Alltagsungerechtigkeiten ausgetauscht, die mit Reichtum, Hautfarbe, Religion und Ähnlichem verbunden waren. Gefüllt mit Gefühlen und persönlichen Anekdoten war dieser Workshop sehr bereichernd.

Der letzte Workshop wurde von Denise Lee geleitet und stand unter dem Namen „Zehn Leben: die ungehörten Geschichten der Opfer des NSU-Komplexes“. In diesem Kurs erarbeitete man in kleinen Gruppen jeweils zu einem Opfer der NSU-Morde, ein informatives Tafelbild. Dabei lagen gewisse Kriterien vor, wie zum Beispiel: Leben, Tod, wichtige Daten, Medieneinfluss oder Folgen der Tat. In dieser Zeit erlebte man die bekannten Fakten noch einmal auf einer ganz neue emotionale Art. Zum Abschluss hatten alle die Möglichkeit ihre Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen und sich gegenseitig zu präsentieren.

Alle Workshops waren interessant und spannend gestaltet. In einer angemessenen Form konnte man hier über das Geschehene reden, denn im Rahmen einer Tragödie, schafften es die Veranstalter:innen, das empfindliche Gleichgewicht zwischen emotionaler Teilnahme und trockener Wissensübermittlung perfekt zu treffen und zu erhalten. Die unterschiedlichen Problemstellungen luden dazu ein, mit anderen Perspektiven auf alltägliche und besondere Situationen zu schauen. Alle waren mehr oder weniger dazu gezwungen sich mit sich selbst und ihrer Sicht auf die Welt näher auseinander zusetzen und alle konnten etwas Wichtiges für sich selbst mitnehmen. Für alle Anwesenden lässt sich festhalten, dass dieses Projekt eine Bereicherung war.

Paulina Krömer (12 K3)

veröffentlicht von J. Gläser-Stark am 01.12.2021