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Staatliches Humboldtgymnasium Weimar
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Attentate und Angst – aber weiter Begegnungen!

veröffentlicht am 24.11.2015 von Annett Kircheis
in Rubrik(en) Fachbereich Französisch, Neuigkeiten

Dieser November hätte ein Monat mit vielen interessanten deutsch-französischen Begegnungen am Humboldt-Gymnasium werden können. Traditionell gibt es davon ja sehr viele an unserer Schule, und so mancher wartet gespannt auf den Zeitpunkt, an dem er dran ist mit der Teilnahme an einem Austausch oder an einem binationalen Schülerprojekt. Doch verliefen die letzten Wochen bekanntlich ganz anders als erhofft.

Deutsch-französisches Rendezvous mit der Geschichte

Am 9.11. kam planmäßig Mme Terrisse vom Lycée Félix Faure in Beauvais mit 8 ihrer Schüler. Zum sechsten Mal arbeiteten Schüler unserer Partnerschule und einige unserer Elfklässler gemeinsam im Rahmen des Weimarer Rendezvous mit der Geschichte. Auch diesmal war es eine intensive und schöne Zeit, die am Freitag gekrönt wurde durch die Präsentation des Ergebnisses. Die Beteiligten brachten einen selbst geschriebenen Krimi auf die Bühne im Foyer, bei dem sie den Zuschauern gleichzeitig das Familistère näher brachten, eine soziale Utopie, die Mitte des 19. Jahrhunderts in der Picardie verwirklicht worden war. Der Erfolg wurde am Nachmittag mit ordentlich Kaffee und Kuchen im Resi gefeiert. Wir waren alle voller Freude über das Erreichte.

Attentate von Weimar aus erlebt

Doch schlugen Freude und Erleichterung im Laufe des Abends in ihr Gegenteil um. Mit Mme Terrisse verfolgte ich zunächst ungläubig und dann entsetzt am Bildschirm, wie immer mehr schlimme Nachrichten aus Paris kamen. Bald wurde im Internet nach Lebenszeichen von Freunden, Bekannten und Verwandten in sozialen Netzwerken gesucht. Nach und nach gab es glücklicherweise annähernde Gewissheit, dass niemand von ihnen unter den Opfern war. Doch gab es auch Nachrichten von Bekannten, denen die furchtbaren Anschlägen sehr nahe gekommen waren und die ihnen nur ganz knapp entkommen konnten. Und jede neue Nachricht brachte neue, unglaubliche und entsetzliche Zahlen, hinter denen sich jeweils individuelle Schicksale verbargen, die wir uns nicht vorstellen können. Es waren Stunden, in denen das Leben stillzustehen schien.

Am nächsten Tag fanden viele Gespräche statt, mit den Gastschülern aus Frankreich, mit Weimarern, mit Gästen des Rendezvous, von denen viele enge Beziehungen mit Franzosen unterhalten. Überall gedachte man der Opfer. Häufig drehten sich dann diese Gespräche auch darum, dass offenbar einigen Attentätern die Flucht gelungen war. Beauvais liegt nur eine Stunde von Paris entfernt, und schon nach den Anschlägen im Januar waren die Täter in Richtung Norden, in Richtung Picardie geflohen. Dazu kam die Sorge über die Heimreise der zahlreichen Franzosen, die nach Weimar angereist waren. Die Grenzen, so Präsident Hollande im Fernsehen, seien geschlossen. Doch gab es schließlich grünes Licht, und die Gruppe aus Beauvais trat am Sonntagmorgen ihre Heimreise mit der Bahn an. Zum Glück verlief die Reise ohne Zwischenfälle. Vom Zwischenstopp in Paris erreichte mich dann eine SMS mit Foto: Die Pariser sind tapfer, sitzen in den Straßencafés, und Jugendliche vollführen akrobatische Kunststücke auf ihren Skateboards. Paris ist nicht menschenleer und nur voller Soldaten, es lebt weiter!

7a erwartete Austauschbesuch aus der Picardie

Die nächsten Tage sind voller hektischer Betriebsamkeit: Am Montag, nur 10 Tage nach den Attentaten, erwartet die 7a ihre Austauschpartner aus Bresles bei Beauvais. Zu Wochenbeginn gibt es Schießereien in St. Denis im Norden von Paris, am Dienstag wird im letzten Moment das Fußballländerspiel in Hannover abgesagt. Bis Sonntag sind in Frankreich alle Klassenfahrten untersagt, aber ab Montag wären sie wieder möglich. Da Frau Gorath, die Klassenlehrerin der 7a, aus gesundheitlichen Gründen nicht dabeisein kann, übernehmen Kollegen die weitere Durchführung des Austausches. Alles ist organisiert - da erreicht uns am Donnerstagabend schließlich die Nachricht, dass die Franzosen nicht kommen werden. Ihre Bedenken überwiegen, und so müssen wir den Schülern der 7a die Absage übermitteln. Die Enttäuschung ist sehr groß. Andererseits ist sicher auch viel Verständnis da, dass viele Eltern in dieser angespannten Lage ihre Kinder nicht alleine so weit weg reisen lassen wollen. Immerhin werden die Humboldt-Schüler im Juni in Bresles erwartet, und vielleicht ergibt sich ja doch noch eine Möglichkeit, dass auch die Franzosen noch nach Weimar kommen können.

Austauschgruppe aus Beauvais wird kommen, Franzosen bleiben

Nun stellt sich die nächste Frage: Werden die AbiBac-Austauschschüler aus Beauvais im Dezember kommen? Die positive Antwort aus der Picardie sorgt für Erleichterung. Sicher wird es eine Reise werden, die auch von anderen Gefühlen als sonst begleitet werden wird. Aber wir werden als Gastgeber dafür sorgen, dass sich unsere Gäste in Weimar wohl fühlen, und hoffentlich wird es für alle Teilnehmer eine interessante und anregende Begegnung werden. Im März werden wir zum Gegenbesuch nach Beauvais fahren.
Unsere Gastschüler, die im Rahmen eines Sauzay-Austausches 3 Monate am Humboldt-Gymnasium sind, haben die Ereignisse sicher noch einmal mit besonderen Beklemmungen verfolgt. Auch von unserer Schule sind derzeit 9 Schüler des 10. Jahrgangs in Frankreich. Sie leben für ein halbes Jahr in Gastfamilien, nachdem ihre Corres ihre 6 Monate Voltaire-Zeit in Weimar und an unserer Schule schon vor den Sommerferien erlebt haben. Einge von ihnen sind in der Umgebung von Paris zuhause.

Diskussionen und Gedenken am Humboldt-Gymnasium

Alle kamen am Montag nach den Attentaten aufgewühlt in die Schule, Schüler und auch Lehrer. In vielen Unterrichtsstunden ging es nicht um Französisch, Sozialkunde oder Mathematik, sondern um die Anschläge, um Ängste, Fragen, Trauer. Was wollten die Täter, warum ist Frankreich ein bevorzugtes Ziel für solch schwere Anschläge, und kann so etwas auch hier bei uns geschehen? Die Antworten auf etliche Fragen sind schwer zu finden, und so ging es häufig weniger um konkrete Auskünfte, sondern darum, gemeinsam über das Erlebte zu sprechen, Empfindungen zu teilen und miteinander der Opfer zu gedenken. Dies taten wir alle mit Millionen anderen Europäern bei einer Schweigeminute um 12 Uhr.

Ich persönlich war beeindruckt von den guten Gedanken und dem Mitgefühl mit unseren französischen Nachbarn, die mir innerhalb unserer Schule begegneten. Meine Gedanken gingen wie bei auch so manch anderem auch in andere Regionen der Welt, in denen Menschen durch die Hand von Terroristen sterben. Die Namen vieler solcher Orte kennen wir aus den Nachrichten, andere schaffen es kaum bis in unsere Medien. Der Zustrom der Flüchtlinge, von denen viele vor eben jenem Terrorismus in ihrer Heimat fliehen, der nun auch erneut Paris heimgesucht hat, spricht Bände. Wenn wir uns besonders unseren französischen Partnern nahefühlen, hat das nichts ausgrenzendes, sondern zeugt von den seit Jahren gewachsenen und festen Bindungen nach Frankreich.

Trauern, sich sorgen – und leben

Frankreich, seine Sprache, seine Kultur und viele seiner Bewohner sind seit langem ein wichtger und bereichernder Teil meines Lebens. Auch meine Familie hat sehr intensive Bindungen dorthin. Mir ist es wichtig, solidarisch mit ihnen zu sein, gleichzeitig aber auch zu wissen, dass die Attentate nicht allein den Franzosen galten, sondern auch uns. Wir alle leben in Freiheit, gehen in Konzerte und in Cafés, lesen und sagen und glauben was wir wollen. Für uns sind die Menschen unterschiedlich, aber alle gleich an Rechten, egal ob Frau oder Mann, schwarz oder weiß, Christ, Moslem oder Atheist. Liberté, Égalité, Fraternité, darum kämpfen die Menschen seit über 200 Jahren. Die Attentäter wollen uns diese Überzeugungen nehmen, unsere Lebensweise zerstören. Deshalb hat mich das Bild von den Skatern aus Paris so berührt. Ihre Antwort auf den Hass und die Angst ist, das Leben weiterzuleben – mit Sorge, aber in Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Diese Gedanken werden mich auch am kommenden Mittwoch auf dem Weg zur diesjährigen AbiBac-Tagung nach Paris begleiten.

Kai Sauer

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